Unser anderes Deutschland

Brief an alle

 Ein Brief an alle zum Tag der deutschen Einheit

 

 

Liebe Landsleute,  

 

 

gestern, am 2.10.2018,  endete um 23:59 Uhr der Tag. Und der 3.10.2018, der Tag der deutschen Einheit, beginnt. Ich bin ein Bürger unter vielen und schreibe dennoch einen Brief an alle. Warum? Weil ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht empfinde, an diesem wichtigen Tag für unser Land etwas zu sagen. Ich möchte den vielen Politiker*Innen eigentlich nichts vorwegnehmen, obwohl da schon etwas wäre…

 

 Die Phrasen…. Die wiedergekäuten Worthülsen und Phrasen von Wörtern und Sätzen, die wir am 3. Oktober wieder hören werden. „Deutschland ist ein wiedervereinigtes Land in einem wiedervereinigten Europa.“, „Die deutsche Einheit war ein voller Erfolg!“, „Das DDR-Unrecht wurde durch die friedliche Revolution besiegt!“

 

 

„Es hat Brüche durch die Wiedervereinigung gegeben, aber…“ -  Diese Sätze werden morgen so oder so ähnlich von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu hören sein. Und normalerweise würde ich wie viele andere Bürger*Innen jetzt den Kopf ausschalten und nicht mehr hinhören. Aber ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr dazu schweigen.

 

 

 

 Denn ich glaube, dass das Pfeifen im Walde nur noch lauter werden wird, wenn wir weiterhin so tun als ob es an diesem Tag ausschließlich etwas zu feiern gäbe, dabei aber versuchen den Elefant im Raum ignorieren, der einfach nicht mehr zu ignorieren ist.

 

 

 

 

Sicherlich werden wieder aktuelle Verweise auf den Populismus erfolgen, aber ob uns diese Moralpredigten weiterbringen? Ich bezweifle das stark. Aus diesem Grund nehme ich mir die Freiheit heraus, das auszusprechen, was aus meiner Sicht über die Einheit und über unsere aktuelle politische Lage zu sagen ist. Und das schon seit einer geraumen Weile! Mein Appell richtet sich als Nachwendekind aus dem Westen an die Westdeutschen selbst. Er wird vielen Westdeutschen wehtun, weil ich es wage, an den sakrosankten Mythos Deutsche Einheit Hand anzulegen. 
Aber ich habe keine Wahl mehr. Ich weigere mich, das Schweigen der Politik länger zu tolerieren. Denn ich finde, gerade Westdeutschland muss sich die Frage gefallen lassen, ob die westdeutsch geprägte Einheit nun wirklich ein Erfolg war. 

 

 

 

 

Schauen wir mal…. Ich versuche es so einfach wie möglich und dem Anlass entsprechend kurz zu halten:  Zur deutschen Einheit gehörte auch die Übernahme eines DDR-Gesetzes, das im Sinne der damaligen Kohl-Regierung mit einer Institution namens Treuhand die Aufgabe hatte, LPGs und VEB- Betriebe überall in den neuen Bundesländern zu sanieren. Was eigentlich nichts anderes als die größte Verscherbelung von Wirtschaftsgütern war. Einige davon wären sogar konkurrenzfähig gewesen. 

 

 

 

 

Ich weiß von einem Fall in Sachsen, wo in einem Betrieb Kühlschränke mit einer speziellen Kühlung produziert wurden, die es damals im Westen nicht gab. Außerdem wurden viele Betriebe oft unter Wert verkauft. Die Akten dieser Betriebe verschwanden anschließend. 

 

 

 

 

Ebenfalls wie die Akten der Treuhand selbst, die bis heute in den tiefen Kavernen des Finanzministerium vor sich hinvegetieren, während die Wut über diesen Vorgang bei den Betroffenen zu Recht ungebrochen bleibt. 

 

 

 

 

Das ähnliche Beispiel mit dem Hessischen Verfassungsschutz, der die NSU-Akten für 120 Jahre weggesperrt hat, zeigt, dass die Politik sich keinen Millimeter bewegen will, um Missstände aufzuklären oder gar zu beheben.

 

 

 

 

Die Wut…. natürlich die Wut. Die Menschen verloren damals ihre Arbeit. Die Betriebe waren bestimmt für viele ein zweites Zuhause gewesen. Hier hatten sie ihre Lebensleistungen vollbracht. Der Zusammenhalt in den DDR-Betrieben war größer als es dem braven westdeutschen Schreibtischarbeiter aus Bonn im Finanzministerium je bewusst sein konnte. Wie auch, wenn er ein solches familiäres Umfeld bei der Arbeit und im Bekanntenkreis in diesem Ausmaß wahrscheinlich nicht kannte. 

 

 

 

 

Westdeutsche - und darunter auch ich - können es sich nicht vorstellen, weil sie nicht in der DDR aufgewachsen sind. Aber was man sich sogar als empathischer Westdeutscher vorstellen kann,  ist, dass es einen großen Verlust für einen Menschen bedeutet, wenn er all das verliert. Ich habe Erlebnisse des Bruchs durch die Wende von vielen Menschen immer wieder erzählt bekommen, und ich kann mit meinem Gewissen als Nachwendekind nicht mehr vereinbaren, dass wir dieses Unrecht verschweigen und nicht beim Namen nennen.

 

 

 

 

 Ja -  es war Unrecht! Es war Unrecht, Menschen,  die gerade ein autokratisches System von sich geworfen hatten, mit einer hinterhältigen neoliberalen Schocktherapie ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Es war Unrecht, ihren guten Glauben an die Demokratie mit der bösartigsten Art des Kapitalismus in seiner unbarmherzigsten Form zu zerstören. Und es ist Unrecht, wenn das dadurch leider entstandene Gefühl der Kränkung, das Gefühl ein Bürger zweiter Klasse zu sein, an die nächste Generation weitergegeben wird.

 

 

 

 

Wir mögen durch die Einheit äußerlich ein vereinigtes Deutschland sein. Und sicher haben wir dadurch auch Vorteile erlangt. Keine Frage!  Aber auch Nachteile! In einem innerlich zerrissenen Deutschland.  Ich bin überzeugt, dass die Antwort des Erfolgs der AfD und der großen Polarisierung im Land durch Rechtsaußen in der Nachwendezeit zu finden ist. Diesen Bezug muss man übrigens auch bei den Täter*Innen des NSU  herstellen.

 

 

 

 

Die Regierungen der letzten Jahre, allen voran diejenigen, die von der CDU geführt wurden, haben die Anliegen, das Treuhand-Unrecht aufzuarbeiten, jahrelang blockiert, nicht ernst genommen oder verschwiegen. Dann kam zu allem Überfluss Hartz 4 und schließlich die Finanzkrise. Die Menschen in Ostdeutschland wurden in ihrem Unmut nicht nur von der Politik, sondern auch von uns Westdeutschen jahrelang nicht gehört. In ihrem Kummer brachen Beziehungen in Familien und Freundschaften auseinander. 

 

 

 

 

Es war also nicht nur die Politik.  Wir Deutschen haben uns gegenseitig im Stich gelassen.

 

 

 

 

Ist es also so unverständlich, wenn Menschen, die durch Jahre des Scheiterns der Politik enttäuscht und verlassen wurden, irgendwann die wählen,  die einfache Antworten versprechen? - Ein Phänomen,  das man auch in einigen westdeutschen Regionen beobachten kann. Wenn auch nicht in demselben Ausmaße und auch nicht mit einem Hintergrund wie dem der Nachwendezeit.

 

 

 

 

Zum Nicht-Gehört Werden gehörte auch die Abwertung. Das sind zwei Seiten derselben Medaille: Einige Medien und Politiker*Innen haben die Abwertung der Ostdeutschen jahrelang betrieben. Es galt zum Beispiel als chic, Sachsen-Bashing zu betreiben. Ja -  ich gebe es zu. Auch ich habe bei dem Mist früher als junger, dummer Hund mitgemacht, bis ich irgendwann zu grübeln begann, ob es nicht Erklärungen für die Polarisierung gibt. Und ob ich mit dem Bashing-Mainstream zur Spaltung nicht noch beitrug.  Und nein, jetzt wo ich eine andere Meinung darüber habe, sehe ich mich nicht als Anwalt der Ostdeutschen. Sondern als einen leidenschaftlichen Demokraten für ein innerlich geeintes und gerechtes Deutschland, wo es keinen Unterschied macht, aus welcher Himmelsrichtung man kommt. 

 

 

 

 

Doch Kohls Werk und Schröders und Merkels Beitrag wirken dem bis heute noch entgegen. Und ich bin das Schweigen darüber so leid! Die Anliegen der Ostdeutschen gehen auch uns was an. Erstens, weil es unsere gleichberechtigten Landsleute sind. Zweitens, weil wir verhindern müssen, dass sich derartiges wirtschaftliches Unrecht in Deutschland wiederholt. Drittens, weil wir das der Demokratie schuldig sind. Denn durch die Treuhand hat auch Westdeutschland zum heutigen Erfolg der AfD und Spaltung zwischen West und Ost maßgeblich beigetragen.

 

 

 

 

Deshalb sollten die Pauschalisierungen endlich aufhören. Das betrifft sowohl Vergangenheit als auch auch die Gegenwart und Zukunft. Bezüglich der Vergangenheit wünsche ich mir einen gesamtdeutsch objektiveren Blick auf die DDR. Sie war ein autokratischer Staat. Keine Frage! Man bekam Nachteile, wenn man entgegen herrschender SED-Meinung dagegen sprach. Die Stasi hat durch ihre Bespitzelung und indem sie Unschuldige wegsperrte, viele Leben und Freundschaften von und zwischen Menschen zerstört. Es gab die Mauertoten.Dennoch war die DDR nicht das Dritte Reich. Sie hat nie einen industriellen Massenmord an Menschen aufgrund deren Herkunft, Glaubens, politische Meinung oder sexueller Orientierung begangen. 

 

 

 

 

Und ja - man muss auch aussprechen dürfen, dass die DDR ein gutes Bildungs-, Sozial-, Arbeits- und Gesundheitssystem hatte, von dem auch Leute profitierten, deren Hintergrund der SED eigentlich spinnefeind war. Sonst hätte eine Pastorentochter wie unsere heutige Bundeskanzlerin wegen des Berufs ihres Vaters keine wissenschaftliche Karriere machen können. Und ich glaube, dass diese positiven Aspekte auch auf eine Demokratie übertragbar wären. Stichwort: Skandinavien.

 

 

 

 

Die Schattenseiten der DDR dürfen jedenfalls nicht als Rechtfertigung für die Kriminalisierung der Ostdeutschen herhalten. Und ihre positiven Seiten sollten bei aller rechtsstaatlichen Kritik an ihr nicht außer Acht gelassen werden.

 

 

 

 

Westdeutsche sollten dementsprechend bei ihrer Vergangenheitsbewertung eines Staates objektiver werden, dessen Widersprüche sie tausendmal weniger als die Ostdeutschen selbst kennen oder verstehen. 

 

 

 

 

 Unser Thema heute bleibt jedoch die Nachwendezeit. Wir müssen sie klären. Wir müssen die Vergangenheit aufarbeiten, um die Gegenwart zu verbessern, und um für die Zukunft daraus zu lernen

 

 

 

 

 Deshalb schlage ich folgendes vor:

 

 

 

 

 -        die Angleichung der Renten und Löhne in Ost und West    (Das ist längst überfällig!)
 -        eine Resolution des Bundestages, in der Betroffene des    Nachwendeunrechts förmlich um Entschuldigung gebeten werden
 -        eine Entschädigung der Menschen, die Opfer der Treuhand-Politik wurden
 -        die Anerkennung ihrer Lebensleistung durch den Staat und die  Gesellschaft 
 -        eine breite Debatte und Aufarbeitung über die Treuhand in ganz  Deutschland
 -        die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz
 -        einen wegweisenden Zukunftsplan für #UnserAnderesDeutschland
 -        mehr Austausch durch innerdeutsche Städtepartnerschaften und Schulklassen, die sich auch über die Nachwendezeit unterhalten
 -        besseres Hinhören zwischen Ost und West zueinander. Auch der Westen hat Landesteile, die am Strukturwandel leiden und deren Belange  Beachtung verdienen

 

 

 

 

 Ich denke, dass ich die Liste bis ins allerletzte Detail fortsetzen könnte.   Dies will und kann ich hier jedoch nicht mehr tun.

 

 

 

 

Meinen Appell, den ich auch im Hinblick auf den friedlichen und demokratischen Kampf gegen Rechts stelle, hat die Intention, die Politik und die Gesellschaft an ihre Verantwortung zu erinnern, an der inneren Einheit Deutschlands weiterhin mitzuwirken.

 

 

 

 

Erste Schritte wurden nach den Ereignissen in Dortmund, Chemnitz und Köthen durch Aktionen wie #wirsindmehr! und der #DerAndereOsten bereits getan. Immer mehr Leute begreifen, dass sie zusammenstehen und einander die Hand reichen müssen. Dazu zählt auch,  Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete als unzertrennlichen Bestandteil unseres Landes in die Debatte der inneren Einheit miteinzubeziehen. Nun halte ich es für richtig, dass auch Menschen aus den alten Bundesländern nachziehen und dem obigen Appel und den Vorschlägen entsprechend unterstützend und nicht dominierend auf die Menschen der neuen Bundesländer zugehen.

 

 

 

 

Gehen Sie aus Ihrem Schneckenhaus heraus. Engagieren Sie sich gegen Hass, Hetze und gegen Rechts. Schreiten Sie ein, wenn in Ihrem Umfeld verächtlich gegen Ostdeutsche, Westdeutsche, Süddeutsche, Norddeutsche, Deutsche mit Migrationintergrund, Ausländer*Innen, Geflüchtete, demokratisch, politisch, religiös und sexuell anders als Sie orientierte Menschen, Menschen mit Behinderungen, einkommensschwache Menschen agitiert wird. Zeigen Sie Zivilcourage, indem Sie Art. I Grundgesetz als Leitfaden Ihres politischen und gesellschaftlichen Wirkens Ihren Mitmenschen gegenüber definieren.

 

 

 

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ - Nicht die Würde des Einzelnen alleine. Nicht die Würde des Deutschen alleine. Sondern die Würde aller Menschen.

 

 

 

 

Deutschlands Stärke war seit je her seine Vielfalt. Jene Vielfalt gab es auch schon in den Zeiten vor 1933 liegender Deutscher Geschichte, die die AfD als Rammbock gegen unsere Demokratie zu vereinnahmen versucht. Lassen wir das nicht zu! Pflegen wir unsere Vielfalt, indem wir dennoch zusammenstehen, uns gegenseitig zuhören und uns kennenlernen. Indem wir uns schützend vor unsere Demokratie stellen.

 

 

 

 

#UnserAnderesDeutschland ist keine Utopie. Es ist möglich. Und wir haben es selbst in der Hand, im Alltag dafür einzustehen. Wir müssen uns nur trauen, es zu verwirklichen!

 

 

 

 

Mit freundlichen Grüßen und Ihnen allen einen friedlichen und einigenden 3. Oktober wünschend

 

 

 

 

Ihr Fliegender Deutschländer