Unser anderes Deutschland

Rede Pierres am 27.10.18 in Zwickau

Wenn schon die jüngeren SchülerInnen zu so wunderbarer Menschlichkeit in der Lage sind, dürfte klar sein, welches Potential in unseren großen Schülern liegt. Im Folgenden die Rede, die mein Schüler Pierre anlässlich unseres Gegenprotests am 27. Oktober 2018 in Zwickau gehalten hat. Danke für deinen Mut, lieber Pierre. Aus dir wird jemand ganz Großes!

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Demokratinnen und Demokraten,

zunächst möchte ich mich kurz vorstellen, mein Name ist Pierre und ich bin Schüler der 12. Klasse in Thüringen und ich möchte mich bei den Veranstaltern für die Möglichkeit bedanken, heute hier als Vertreter der Jugend und der Schülerinnen und Schüler sprechen zu dürfen.  

Artikel 1 unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Grundrechte sind wesentliche Rechte, die Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber Staaten als beständig, dauerhaft und einklagbar garantiert werden. Somit ist die eigentliche Bedeutung dieses Grundgesetzartikel klar: „Die Würde ALLER Menschen, [egal welcher Herkunft, Religion, Sprache, Aussehen oder politischer Ausrichtung] ist unantastbar“ und genau für das müssen wir tagtäglich eintreten um diesen Grundgesetzartikel verteidigen.  Jedoch geriet der Grundsatz der Deutschen – Verfassung in den letzten Monaten, ja gar Jahren immer stärker ins Wanken, weil eine kleine populistische, rassistische, menschenfeindliche, intolerante, rechtsextreme und nationalistische Minderheit glaubt, sich über eine viel schwächere von Krieg, Leid und wirtschaftlichen Elend geplagte Minderheit erheben zu müssen. Nationalistische Parolen werden in vielen Städten wieder propagiert, Ausländer, Asylsuchende und politisch anders denkende von rechts diffamiert. 

Auch in Schulen findet dieser Hass eine Brutstätte. Von eingeritzten Hakenkreuzen bis hin zu AntiAntifa – Schriftzügen auf Schulbänken und ja ich spreche von meiner Schule in Thüringen. Von der Schulleitung werden solche Probleme vor den Schülern verschwiegen oder kaum oder selten angesprochen aus Angst vor schwindenden Schülerzahlen. Auch viele Lehrer fühlen sich verunsichert: Was darf ich jetzt noch sagen, um keine Propaganda gegen eine bestimmte politische Richtung zu machen? Gemeint ist hier vor allem die AfD, die das „Neutralitätsgebot für Lehrer“ auf ihre Weise ausdehnen. Die AfD Hamburg veröffentlichte auf ihrer Homepage die Aktion „Neutrale Schulen“ eine „Offensive für Meinungsfreiheit und gegen linke Ideologieprogramme.“ Das ist also die Meinungsfreiheit der AfD …. Alle Lehrkräfte, die sich kritisch oder gar nicht mit dieser Partei auseinandersetzen sind automatisch „Volksverräter“ und „links-grün versiffte Propagandisten“, die die Meinungsfreiheit zur Manipulation missbrauchen. Einen größeren Einschnitt in das Recht der Meinungsfreiheit hat es meiner Ansicht nach noch nicht gegeben. Und es wird Zeit das wir unsere Stimmen noch intensiver gegen diese Art der politischen Einschüchterung erheben.

Damit noch nicht genug. Schüler können zusätzlich noch ihre Lehrer melden, wenn diese sich eben kritisch oder gar nicht mit der AfD auseinandersetzen. Und das sprengt wirklich jeden Rahmen einer geschichtlichen Verantwortung. Die Erstellung von Listen von sogenannten „Systemfeinden“ hat es ist Deutschland schon einmal gegeben. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland keine Demokratie, sondern eine Diktatur, dessen Regime für die schlimmste Katastrophe des 20 Jahrhunderts gesorgt hat, den zweiten Weltkrieg.

Nach dem Aufruf der Heute Show, der AfD ein paar nette Nachrichten zu schreiben, erhielten deren Mitarbeiter, Pizzabestellungen oder Fragen zu Beziehungsproblemen, aber ich bin mir sicher, dass die AfD auch darauf, genau wie auf alle nationalen und internationalen Fragen keine Antwort haben wird.

In Gesprächen mit Mitschülern schlägt mit immer wieder das Argument der politischen Neutralität an Schulen entgegen. Dies ist zwar richtig, aber Lehrer sind auch verpflichtet die freiheitlich demokratische Grundordnung zu verteidigen, Parteiprogramme zu analysieren und eventuell darauf hinzuweise, wenn Grundwerte missachtet werden. Ist dies bei der AfD der Fall? Wenn der bayrische Spitzenkandidat, der AfD Flüchtlingsboote im Mittelmeer versenken möchte und als diese als Soros – Flotte (Soros = Begriff für die jüdische Weltverschwörung)  bezeichnet, wenn der AfD Frontmann Alexander Gauland Hitler und die Nazis als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet, wenn Bernd Höcke in meinem Bundesland Thüringen als offen rassistisch und nationalistischer denkender Mensch Spitzenkandidat wird, dann wissen wir glaube ich alle was die Stunde geschlagen hat und gegen was wir uns wehren müssen! Innerparteilich laut werdende Stimmen gegen diese „rhetorische Aufrüstung“ gibt es nicht. Die gemäßigte AfD ist vor etlichen Monden gestorben. Diese Partei hetzt Schwache gegen noch Schwächere auf und reduziert alle politischen Diskussionen auf das Thema „Asyl und Ausländer“ herunter.    
Die AfD ist rassistisch, völkisch-national, verfassungsfeindlich, nationalistisch und rückwärtsgewandt  und gefühlt ist es mittlerweile vielen egal, wie viel braunes Gequatsche die noch raushauen. Aber uns darf es niemals egal sein! Manche atmeten auf nach der Bayernwahl. Nur 10 % für die AfD. Ich sage 10% sind viel zu viel für diese Partei. Diese Partei darf in Deutschland niemals eine Rolle spielen und dafür müssen wir kämpfen.

Und die Medien, vor allem die großen Sendeanstalten und Zeitungen, spielen in diesem Reigen fröhlich mit. In Gesprächen mit Politikern wird selten über ein anderes Thema, wie Klimaschutz, Bildung oder Pflegenotstand diskutiert. Am Donnerstag fand ein Gespräch zwischen den Chefredakteuren von ZDF und ARD mit AfD-Vertretern in Dresden, weil sich die armen Nazis von den Staatsmedien ungerecht behandelt fühlen. Vergangenen Sonntag als 13000 Demokraten in Dresden für Toleranz und Herzlichkeit demonstrierten, reichte der ARD ein zwei Minuten Beitrag in der Tagesschau. Ein ausführlicher Bericht wurde nicht gesendet. Stattdessen wurde am gleichen Sonntag die millionste Folge des Tatorts ausgestrahlt. Geht’s eigentlich noch liebe Medien, verantwortungsvoller und intensiver Journalismus sieht anders aus.       

Wir brauchen endlich einen viel intensiveren Umgang mit unserer Geschichte in den Schulen. Wenn Mitschüler, während der Behandlung der Themen Weimarer Republik, Versailler Vertrag und Ursachen für den Nationalsozialismus zu mir sagen: „Ey, das ist mir doch egal“, da wird es mit Himmel, Angst und Bange.
Des Weiteren muss in den Bildungseinrichtungen Politik eine viel größere Rolle spielen. Gespräche mit Politikern, Journalisten und anderen Experten müssen zur Regel werden. 4 Stunden Sozialkundeunterricht reichen nicht aus, um Politikverdrossenheit an den Schulen zu bekämpfen. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratie ist nicht akzeptabel. Lasst uns endlich Demokratie wieder leben und erlebbar machen. Denn die Demokratie ist unser wichtigstes Gut und wir müssen es unter allen Umständen verteidigen.

Noch zwei Sätze zur Bürgeroffensive Deutschland: Diese distanzieren sich zwar von NPD und PEGIDA, aber Sprechchöre wie „Merkel muss weg“, “Volksverräter und „Widerstand“ gehören auch bei dieser Organisation zum Alltag. Deshalb sind sie aus dem gleichen faulen Holz geschnitzt, wie AfD, NPD und PEGIDA. Und eine fremdenfeindliche Kundgebung durchzuführen, wenige Tage nachdem der Gedenkort für die NSU – Opfer in Zwickau beschädigt wurde ist einfach nur beschämend.

Zum Schluss meines Redebeitrages möchte ich nur noch sagen: Lasst uns weiter kämpfen für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland und Europa. Wir wollen keine Rassisten, Antidemokraten, Faschisten oder Nationalisten, die auf Abschottungspolitik setzten. Verteidigt die Demokratie in der Schule, an euren Arbeitsplätzen, in Sportvereinen, in Bürgergesprächen oder eben hier auf solch einem Gegenprotest. Engagiert euch in Parteien oder Organisationen, seid laut, seid viele und verbannt den Nationalismus aus den Köpfen der Menschen, denn wir sind Unser Anderes Deutschland.

Vielen Dank!